Von der Ferien- und Jugendzeit in unserem Neuhaus


    


Diese Schulfotos entstanden 1934
  

Wie alle Kinder, so freuten auch wir uns auf die großen Ferien im Sommer. Sie waren damals von 1. Juli bis zum 1. September. Einmal nicht mehr in die Schule gehen brauchen ! Sie waren dabei nicht nur allein zum Faulenzen da, etwas tun musste man schon.
Anfang Juli war die Zeit des Heumachens. Das gemähte Gras musste sauber aufgestreut und mit dem Rechen mehrmals gewendet werden. Abends wurde es in "Schwaden" gerecht und zu "Schöberle" aufgehäuft, damit es nachts nicht so feucht wurde oder wenn gar der Regen kam. Um die Schöberle herum spielten wir dann oft unser "Fangeles" und "Schöberlehüpfen" und mancher Grashaufen fiel dabei wieder zusammen. Am nächsten Morgen wurde die Haufen wieder zerstreut, mehrmals gewendet und wenn die Sonne mitmachte wieder zu Schwaden gerecht und als trockenes Heu von den Erwachsenen auf die Heukraxen geschichtet, festgebunden und in den Heuboden getragen.

Nach dem Heumachen kam die Beerenzeit. So zog man mit Kannen und Eimern zum Beereholen hinauf in den Bergwal, zum Hireschkopf, zum Brenntenberg, zum Steinle, in den Trinkensaifenerwald und überall wo es reife Heidelbeeren gab. Mit einem Stück Brot in der Tasche, zum trinken fand man schon Wasser in den Waldquellen. Am Heimweg sangen wir Kinder oft, um auf uns aufmerksam zu machen: "Rolle rolle voll, mein Topf is voll, mein Bauch ist leer, mich hungerts sehr". Hatten wir aber wenig gefunden und von den Beeren viel gegessen, so dass schon Mund und Nase blau gefärbt waren, dann hieß es: " Rolle rolle roll, mein Bauch ist voll, mein Topf ist leer, mich hungerts nimmermehr".

Später wenn alle Beeren reif waren, konnte man schon den "Beerenkamm" nehmen, mit dem es schneller ging und das mühselige Zupfen erspart blieb. Abends mussten die Beeren durchgelesen werden, wobei man sie auf einer schräg auf den Knien liegenden Pfanne herunterollen ließ und die Blätter und die Unreifen, die "Pamperen" herauslas. Die Beeren wurden damals zur Kaufmansfrau, der "Burschta" , getragen, die diese für die Beerenhändler aufkaufte. Mit ihrem hölzernen Fünfliter- und Einlitergefäß maß sie die Beeren und paßte gut auf, dass ja keine Blätter mit dabei waren. Daheim gab es dann den "Schwarzbeerbrei" mit Pfannenknödel, eine Köstlichkeit! Schwarzbeerkuchen wurde gebacken. Ein Teil der Beeren wurde in großen Gläsern für den Winter eingemacht und  oben mit erhitzen Rinderfett luftdicht abgeschlossen.

Anschließend kam die Zeit der Preiselbeeren. Sie wurden besser bezahlt. Eingelegt waren sie ein gutes Mittel gegen eine Magenverstimmung.
Zwischendurch mussten wir nach Holz suchen. Mit der Holzkraxe am Buckel und einem Handbeil gingen wir Buben zu den Holzfällern hinauf in den Hirschkopfwald, wo wir die starken Äste der gefällten Bäume in passende Längen hackten und mit der Kraxe heimschleppten. Sie hatten einen hohen Heizwert und prasselten im Winter richtig im Ofen, denn zu unserer Heimarbeit brauchten man eine warme Stube. Gar mancher Buckelkorb voller Fichtenzapfen, Rinden und Reisig wurde damals nach Hause geholt.

Im August gab es die meisten Pilze im Wald. Es gab den Steinpilz, Birkenpilze den Mehl- und Butterpilz, die roten und gelben Deublinge, die Schafguschen, die Eierschwämmle und viele mehr. Bei den Schlafguschen musste man gut achtgeben, dass man diese nicht mit dem giftigen Champion verwechselte. Die meisten Pilze wuchsen nach einem warmen Regen. So durchstreifte man den Wald und kam mit durchnässten Schuhen und Gewand nach Hause. Viele hatten dabei ihre eigenen "Schwammerlplätze", die nicht verraten wurden. Die Mutter schaute die Pilze nochmals durch ob keine falschen dabei waren. Sie wurden in Scheiben geschnitten in eine Pfanne gelegt und in der Sonne getrocknet, mehrmals gewendet bis sie richtig "prassedürr" waren. Im "Schwammersack" hingen sie dann über dem Herd, eine willkommene Bereicherung des Speisezettels im Winter. Pilze, die sich nicht zum trocknen eigneten wurden gleich im großen Tiegel gebraten. Das ganze Haus duftete danach, so dass einem schon so wie man sagt das Wasser im Munde zusammenlief.

Wir Kinder spielten im Rohlaubach, der noch klares Wasser hatte, gingen dort zum Forellenfangen was eigentlich verboten war. Mit hochgekrempelter Hose stapften wir herum, um zwischen den Steinen eine zu erwischen, bis oft der Waldheger kam und uns verjagte. Unten im Wald dämmten wir den Bach mit Steinen an um darin zu baden. Im Waldstück der "Haad" spielten wir Buben Pascher und Schandarm und hetzten durch die Fichten, dass uns die Reiser nur so um die Ohren flogen. Unter den dichten Bäumen hatten wir unsere Spielhäusle gebaut, oben schaukelten wir in den Wipfeln. In manches Vogelnest schauten wir hinein, Wespennester räumten wir aus und kamen abends ganz zerstochen nach Hause. Auf den Felsen kletterten wir herum. Es war ein schönes Gefühl, hier war unsere Heimat, hier waren wir daheim. Zur Zeit der Grumeternte wiederholte sich die selbe Arbeit wie beim Heumachen.

Im September begann die Schule wieder. Auf den nun abgeernteten Wiesen konnten wir unsere Drachen steigen lassen, die wir in der Schule, jeder auf seine Art, gebastelt hatten.
Bei der anschließenden Kartoffelernte hieß es wieder fleißig mithelfen. Oft war es schon sehr kalt und mit klammen Fingern klaubten wir die Kartoffeln mit zusammen. Vom dürren Kartoffelkraut schürten wir Kinder dann unser "Erdäpfelfeurerle" und rösteten die kleinen Kartoffeln in der heißen Asche. Anfang November kam dann schon der erste Schnee und deckte Wald und Flur mit seiner weißen Decke zu. Der "Klöppelsack" musste wieder hergerichtet werden , mit dem wir nach der Schule abends immer abwechselnd in einem anderen Elternhaus so gesellig beieinander waren und wir freuten uns wieder auf unser Ski- und Schlittenfahrten im Winter.

So wuchsen wir Kinder auf in unserer Bergheimat, bescheiden, arbeitsam und mit der Natur verbunden. Es war eine schöne Jugendzeit. So viele, die damals mit dabei waren, mussten leider später im Krieg ihr junges Leben lassen und auf keinem Kriegerdenkmal stehen ihre Namen.

Ernst Ullmann