Weg nach Neudek

Ein kleiner Bub erlebt den Weg nach Neudek

Neuhaus im Erzgebirge


Erinnerungen an die Heimat

Ein kleiner Junge, der damals nur seinen Heimatort Neuhaus und die Wiesen und den Wald kannte, wo er mit den anderen Kindern herumtollte, durfte mit seinem Vater in die Stadt gehen. Die Mutter hatte Bedenken, ob er den weiten Weg schaffen würde. Doch der Vater sagte: "Es wir schon gehen und wenn er müde wird, dann kann ich ihn auf dem Heimweg auch mal ein Stück auf dem Buckel tragen." Der Weg ging beim Tischerwirtshaus vorbei den Berg in Richtung Trinksaifen hinauf. Durch niederen Wald führte ein Fußsteig bis in den Hochwald zu einem Fahrweg. "Das nennt man den breiten Weg", sagte der Vater.

Es war Frühling, die Fichten hatten ihre jungen Sprossen angesetzt und strahlten im frischen Grün. Bergabwärts kamen sie nun zu der großen Straße, die von Frühbuß nach Trinksaifen führt. Der Wald tat sich auf und von hier aus konnte man in das große Tal von Trinksaifen hinabschauen. Die Augen des Buben taten sich auf: "Wie groß ist denn die Welt?". Weit verstreut an den Berghängen standen die Häuser zwischen den grünen Wiesen und Feldern, unten sah man den Schmiedemannwald und die Kirche, bis zum Ort Hochofen konnte man hinübersehen. Dahinter sah man den großen Bergrücken des Peindlberges mit dem Aussichtsturm darauf. Aber der Turm stand nicht auf der höchsten Stelle des Berges. "Aber Vater, wenn der Turm ganz oben am Berg stehen würde, dann könnte man ja die Welt von dort viel besser sehen?". Er erklärte, dass dieses von hier aus gesehen nur so aussieht, der Turm steht schon ganz oben, was aber der Bub damals noch nicht begreifen konnte.

Nun ging es in Serpentinen abwärts. Die kleinen Beine gingen ganz von selber, gab es ja so viel Neues zum Erleben. Weiter ging die Wanderung durch den Schmiedmannwald, ein schönes Haus fiel dabei auf, dessen Dach mit glänzenden buntfarbigen Dachziegeln gedeckt war, es war die Villa. Durch den Kirchenplatz ging es talabwärts an einem Gebäude vorbei, wo viele Holzstämme lagern und drinnen eine große Säge ratterte, die Hojer-Brettsäge. Ein kurzer Blick hinein, doch so eine Säge kannte er von daheim aus schon.

Das Tal wurde enger, die Wiesen links und rechts der Straße standen schon voll im hohen Gras und duftender Blumen. Der Bub fragte, warum denn hier das Gras und die Blumen so viel schöner sind als bei ihm daheim. "Ja der Frühling kommt halt zu uns oben etwas später hinauf, aber nachher ist es daheim genauso schön". Unten an der Talstraße lag der Gasthof "Blumental". Ja, hier war wirklich ein Blumental! Zum ersten Mal sah der Junge ein Bahngleis und einen Zug, der gerade schräg über die Straße zum kleinen Bahnhof Hochofen dampfte. Die Leute stiegen aus und ein, dann fuhr der Zug durch ein großes schwarzes Loch in den Tunnel hinein. Das war für den Buben schon ein starkes Stück.

Links im Tal stand die Papierfabrik, der Vater konnte erzählen wie man hier aus Holz Papier machte und so wusste der Junge nun ach, warum daheim im Wald die Holzmacher die Fichtenstämme in 2 m Länge, die sogenannte "Schleifer" aufstapelten. Vorbeikamen sie später an der Fabrikanlage des Eisenwerkes, wo es darin laut klopfte, brodelte und hämmerte. Eine Sehenswürdigkeit war dann die Straßenbiegung, der große Fels mit dem alten Turm darauf. Auch dies musste erklärt werden. Vom nahen Kreuzberg herunter leuchtete das frische Grün der Birken und der anderen Laubbäume.

Es war gerade Markttag. Die Verkaufsstände und die vielen Leute! Der Bub bekam einen langen Zuckerstengel zum Lutschen in die Hand gedrückt, aber hier gefiel es ihm gar nicht, sah er doch durch das Gedrängel nur die Hosenbeine und die Röche der Erwachsene und er war froh als er wieder heraus war. Der Vater machte jetzt ein paar Besorgungen in einigen Läden und der Junge bekam dabei öfters ein Zuckerle geschenkt und staunte, was es alles gab.

So machte man sich wieder auf den Heimweg. Wieder beim Gasthof "Blumental" angelangt sagte der Vater: "Von hier aus gehen wir nun einen anderen Weg nachhause". Ein Fußsteig führte in den Wald hinter dem Gasthof aufwärts an großen Steinen vorbei. Hier war es direkt romantisch. Der "Eisensteinweg" wurde überquert und oben ging es schon wieder über Wiesen und Felder.

Rechts unten lagen die Häuser von "Fuchswinkel". Man mähte dort schon das erste Futtergras. Der Weg führte an einer kleinen Kapelle vorbei bis zum Trinksaifer Forsthaus mit dem großen Zaun darum. Ein letzter Blich in den Ort zurück und der Hochwald nahm sie wieder auf. Holzfäller arbeiten hier. Es war jedoch ein langes Stück Weg durch den düsteren Wald übe den Bergrücken, bis man dann wieder in das Rohlautal sehen konnte und die Straße, die von Neuhaus nach Neuhammer führt. Gegenüber der Höhenzug des Hirschkopfberges.

Die kleinen Beine wollten schon nicht mehr so richtig. "Ist es denn noch weit bis heim? " Aber auch der Wald hatte sein Ende und bald war durch die Fichtenstämme der vertraute Ort Neuhaus wiederzusehen, unten im Tal die Häuser an der Straße, die Rohlaubrücke und auch sein Elternhaus. Leichtfüßig ging es nun bergab, übe dir Brücke und nach Hause. Die Mutter sagte : "Weil ihr nur wieder da seid" und "Bub tun den dir die Beine gar nicht weh?"
Sie taten ihm weh, nur er sagte nichts.


Ernst Ullmann